Eine Schwalbe steigt in den Himmel

Ausgeflogen. Gerade noch ein volles Haus und jetzt: Viel Zeit für uns.

Auszug aus dem Elternhaus

Für junge Menschen beginnt mit dem Auszug aus dem Elternhaus ein neuer und spannender Lebensabschnitt. Doch wenn das letzte Kind das Nest verlässt, macht das viele Eltern traurig. Auch Elvira und Raimondo P. hatten daran zu knabbern, als ihre Kinder aus dem Haus waren. „Es war anfangs ein Schock“, gibt die 57-Jährige zu. „Ich habe beim Auszug von beiden Kindern geweint.“ Die Wohnung sei ihr leer vorgekommen. Sie mussten erst wieder lernen, nicht mehr in erster Linie Eltern, sondern wieder ein Paar zu sein. Wie Eltern darauf reagieren, wenn der Nachwuchs flügge wird, kann laut Katharina Beyer-Herth, Familientherapeutin (DGSF) und Mediatorin (BMeV) mit eigener Praxis in Mannheim, nicht pauschalisiert werden. „Die Menschen können sehr unterschiedlich darauf reagieren“, sagt sie. Das hänge zunächst einmal damit zusammen welche eigenen Erfahrungen, die Eltern mit Trennungen haben und wie offen sie für Veränderungsprozesse sind.

Auch die Beziehung zum Kind ändert sich„Allgemein kann man sagen, dass der Auszug der Kinder ein ganz natürlicher Prozess ist – und ein Lebensübergang“, sagt die Systemtherapeutin. „Das kommt ja nicht unvorhergesehen und ist kein Schicksalsschlag, der uns überraschend mit traumatischen Folgen ereilt.“ Angela Lorenzen, Paar- und Sexualtherapeutin aus Wiesbaden, fügt hinzu:

„Es ist das Ende einer bestimmten Phase im Leben und auch in der Partnerschaft. Man geht in eine Art Unsicherheitszustand über, den es durchzuhalten gilt, bis man den neuen Rhythmus zu zweit gefunden hat.“

Manche Eltern leiden zunächst am Empty-Nest-Syndrom.

Dieses beschreibe einen Gemütszustand, der von Einsamkeit und Traurigkeit reichen könne, bis hin zu einer Depression, erklärt Beyer-Herth. „Vorwiegend sind Frauen davon betroffen. Das ist okay, wenn man traurig ist, weil die Kinder gehen. Und eine natürliche Reaktion.“ Die Beziehung zum Kind ändert sich ebenfalls. Da sie in die Welt hinausgehen und viel Neues von außen erfahren, haben Eltern die Chance, ihre Kinder wieder neu kennenzulernen. „Das ist eine sehr spannende Zeit und bereichert die Beziehung“, so Beyer-Herth.Auch auf die Paarbeziehung wirkt sich die neue Situation aus. Beyer-Herth betont: „Das ist eine Zeit, in der ein Resümee gezogen wird: War es das jetzt? Kommt noch was und wenn ja, wie gestalte ich das?“ Manche bekommen das Gefühl, dass die Kinder eine Leere hinterlassen haben. „Es kommt natürlich vor, dass die Eltern sich auseinandergelebt haben, wenn sich alles um die Kinder gedreht hat.“ Lorenzen fügt hinzu:

„Die Veränderung führt oft zu Spannungen.“

Das gemeinsame Ziel, was für viele die Familie ist, fällt durch den Auszug des Kindes weg. Dieser Raum müsse wieder gefüllt werden. „Für die Partner ist dies eine Aufgabe und für die Partnerschaft eine Herausforderung.“ Etwa indem man sich auf seine Individualität, seine Talente, Wünsche und Träume rückbesinnt, die man noch verwirklichen möchte. Dann sollte man sich überlegen, welche gemeinsamen Interessen man als Paar hat, für die bisher keine Zeit war oder die sich neu entwickelt haben. Das können Hobbys sein, die man jetzt stärker ausbaut. Andere legen sich einen Hund zu. „Paare können in ganz unterschiedlichen Bereichen ein neues gemeinsames Drittes finden“, sagt Lorenzen.

Raimondo P. wandte sich anfangs seinem langjährigen Hobby, dem Kampfsport Wing Tsun, intensiver zu. „Ich bin allein daheim gewesen, wenn mein Mann im Sport war“, sagt Elvira P. „Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich kann nicht immer nur aufräumen und putzen.“ Sie beschloss, ebenso mit Wing Tsun anzufangen – und trainierte gemeinsam mit ihrem Mann. Außerdem gehen die beiden häufiger ins Kino, machen es sich gemeinsam zu Hause gemütlich und verbringen mehr Zeit mit Freunden.

Denn wenn Eltern sich wieder stärker auf ihre Rolle als Paar konzentrieren, eröffnen sich für sie weitere neue Möglichkeiten, ihr Leben zu bereichern. Sie sind nicht mehr an einen familiären Rhythmus gebunden, können Urlaub außerhalb der Ferienzeit machen und sich wieder mehr um die Karriere kümmern. „Je zufriedener ich mit meinem eigenen Leben und mit mir bin, desto eher kann ich auch in meiner Partnerschaft unabhängig sein“, sagt Katharina Beyer-Herth. „Und die Partnerschaft aus freien Stücken gestalten, erleben und genießen.

Männer halten Gefühle zurück

“Männer halten mit ihren Gefühle allerdings häufig hinterm Berg. „Es ist zu beobachten, dass sich manche exzessiv in Sport begeben, sich vielleicht ein Motorrad oder schnelles Auto anschaffen“, so die Mannheimerin. „Oder eine außereheliche Beziehung eingehen, um den Marktwert zu testen.

“So weit muss es aber nicht kommen. Dafür ist es wichtig, die Liebesbeziehung neben dem Elterndasein stets zu pflegen, betont Beyer-Herth. „Die Kinder sehen dadurch auch, wie eine Beziehung funktioniert.

“Lorenzen erklärt, dass viele Frauen in dieser Phase in die Menopause kommen. Wer zusätzlich zu körperlichen Veränderungen um die bisherige Form des Familienlebens trauert, hat möglicherweise keine Lust auf „heißen Sex“, sondern benötige eher Geborgenheit.

Sexualität und Intimität

„Wichtig ist, dass man über seine Bedürfnisse, eben auch in der Sexualität, mit dem Partner spricht.“ Auf der anderen Seite hat das Paar jetzt mehr Raum für Sexualität und die Partner stellen sich die Frage, ob man noch attraktiv für das andere Geschlecht ist. „Wenn ich mich von meinem Partner in meiner Sexualität gesehen fühle, brauche ich weniger Bestätigung von außen“, erklärt die Sexualtherapeutin. „Vielleicht entdecke ich meinen Körper nochmal neu, zusammen mit meinem Partner.“ Phasenweise Unlust ist völlig normal. Damit sie sich jedoch nicht zu Blockaden festigt, sollte man die Sexualität stets lebendig halten und sich bereits während der Elternschaft regelmäßig eine Paar-Zeit nehmen, rät Lorenzen. „Dann steht nicht unbedingt Geschlechtsverkehr auf dem Programm, man schafft eher Auszeiten vom Alltag und lädt Sinnlichkeit und Sexualität ein.

Es ist ratsam sich auf den Auszug der Kinder vorzubereiten

“Es ist ratsam, sich auf den Auszug des letzten zu Hause lebenden Kindes rechtzeitig vorzubereiten. Das „Training“ beginnt früh; etwa wenn die Kleinen den Kindergarten oder die Schule besuchen, sie im Ferienlager sind oder schließlich in der Pubertät eigene Wege gehen. „Eltern kriegen ein erstes Gespür dafür, wie es ist, wenn Kinder nicht da sind“, sagt Beyer-Herth. Sie empfiehlt, sich mit dem Thema, dass sich die Familie verändern wird, frühzeitig zu befassen. Das Paar sollte über Bedenken und Hoffnungen sprechen. Und wenn der Moment da ist, sich ein Jahr lang Zeit nehmen, um sich auf die neue Lebenssituation einzustellen.

Anlaufstelle für die Kinder

Wenn es soweit ist, empfiehlt Beyer-Herth, das alte Kinderzimmer umzugestalten, Überflüssiges auszumisten und den Raum etwa zum Gästezimmer zu machen. Lorenzen rät dagegen, in der Familie vorher zu besprechen, was mit dem Raum passiert. „Für viele Kinder fühlt es sich zunächst besser an, wenn sie zuhause noch eine sichere Anlaufstelle haben.“ Es mache Sinn, das Zimmer so zu gestalten, dass immer noch Raum für die Kinder bleibt, wenn diese zu Gast sind.Bei Elvira und Raimondo P. ist aus den ehemaligen Kinderzimmern zwar ein Hobbyraum geworden: Für ihre Kinder bleibt die Tür aber trotzdem stets offen. Der 62-Jährige und seine Frau gehen inzwischen ganz in ihrer Rolle als Großeltern auf. Wing Tsun haben sie wieder aufgegeben, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. „Bei vier Enkelkindern braucht man keinen Kampfsport“, sagt Elvira P. und lächelt. „Da ist man abends auch so müde.“

Originalartikel von Tanja Capuana-Parisi. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Wiesbadener Kurier

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